Viele Zahnpasten sind vegan, aber nicht alle – und man sieht es der Tube meist nicht an. Kritisch sind Glycerin unklarer Herkunft, Propolis, Bienenwachs und der Farbstoff Karmin. Sicherheit gibt nur ein Vegan-Siegel.

Die Antwort in Kürze
- Die Grundstoffe einer Zahnpasta – Wasser, Putzkörper, Fluorid, Tenside – sind mineralisch oder synthetisch.
- Das Problem liegt bei einzelnen Zusätzen: Glycerin, Propolis, Bienenwachs, Chitosan und der Farbstoff Karmin.
- Glycerin ist der häufigste Streitpunkt. Es kann aus pflanzlichen Ölen oder aus tierischen Fetten stammen – die INCI-Bezeichnung lautet in beiden Fällen gleich.
- Anders als bei Lebensmitteln gibt es in der Kosmetik keine Herkunftsangabe und keine Allergenkennzeichnung, aus der man rückschließen könnte.
- Fluorid ist unproblematisch. Natriumfluorid und Aminfluorid werden mineralisch beziehungsweise synthetisch gewonnen.
- Tierversuche für Kosmetik sind in der EU verboten. Ein in Deutschland verkauftes Produkt darf dafür nicht an Tieren getestet worden sein.
- Verlässlich sind das V-Label, die Veganblume oder eine ausdrückliche Herstellerangabe.
- Nicht vergessen: Zahnseide besteht klassisch aus Seide oder ist mit Bienenwachs beschichtet.
Warum die Prüfung hier schwerer ist
Bei einem Lebensmittel lässt sich die Frage meistens am Zutatenverzeichnis klären. Bei Kosmetik funktioniert das nicht, und dafür gibt es zwei Gründe.
Erstens nennt die INCI-Liste – die international einheitliche Bezeichnung der Bestandteile – nur den Stoff, nicht seine Herkunft. Glycerin heißt Glycerin, gleich ob es aus Rapsöl oder aus Rindertalg gewonnen wurde. Zweitens gibt es keine Allergenkennzeichnung, über die sich wie beim Lecithin auf die Quelle schließen ließe.
Damit bleibt für die kritischen Stoffe nur eine von zwei Möglichkeiten: ein Siegel oder eine Anfrage beim Hersteller. Das ist unbefriedigend, aber es ist der Stand der Kennzeichnung.
Die kritischen Bestandteile
| INCI-Name | Was es ist | Funktion in der Zahnpasta |
|---|---|---|
| Glycerin | pflanzlich oder tierisch | hält die Paste feucht |
| Propolis Extract | Kittharz der Bienen | antibakteriell, in Naturzahncremes |
| Cera Alba | Bienenwachs | Konsistenzgeber |
| Chitosan | aus Schalen von Krebstieren | Belagshemmung |
| CI 75470 | Karmin aus Schildläusen | rote Farbe in Gelen und Streifen |
| Lactoferrin | Milchprotein | in Spezialprodukten |
| Shellac | Ausscheidung der Lackschildlaus | selten, in Überzügen |
Propolis, Bienenwachs, Chitosan und Karmin lassen sich an ihrem Namen erkennen – sie sind eindeutig. Glycerin ist der einzige Stoff auf dieser Liste, bei dem die Bezeichnung nichts verrät. Und ausgerechnet er steckt in fast jeder Tube.
Glycerin als Hauptproblem
Glycerin ist ein dreiwertiger Alkohol und ein Nebenprodukt der Fettspaltung. Wird ein Fett in seine Fettsäuren zerlegt, bleibt Glycerin übrig – egal, ob das Fett aus Raps, Palm oder aus Schlachtabfällen stammt.
In der europäischen Kosmetikindustrie überwiegt heute pflanzliches Glycerin, meist aus Palm- oder Rapsöl, weil die Biodieselproduktion es in großen Mengen als Nebenprodukt liefert. Sicher ist das aber nicht, und billige Importware kann tierisches Glycerin enthalten.
Zwei Formulierungen helfen weiter: Steht in der Liste Vegetable Glycerin oder auf der Verpackung „pflanzliches Glycerin“, ist die Frage geklärt. Steht dort nur Glycerin, bleibt sie offen. Ausführlicher steht das bei Glycerin.
Fluorid ist kein tierisches Thema
Weil die Fluoriddebatte oft mit der Vegan-Frage vermengt wird, hier die Einordnung: Natriumfluorid, Natriummonofluorphosphat und Zinnfluorid sind mineralische Salze. Aminfluorid ist eine synthetisch hergestellte organische Verbindung. Keines davon hat einen tierischen Ursprung.
Ob man Fluorid verwenden möchte, ist eine zahnmedizinische Frage, keine ernährungsethische. Die Fachgesellschaften empfehlen es zur Kariesprophylaxe. Dieser Text ersetzt keine zahnärztliche Beratung.
Tierversuche in der EU
Ein Punkt, der die Bewertung erleichtert: Zahnpasta gilt in der EU als kosmetisches Mittel und fällt unter die Kosmetikverordnung. Für Kosmetik gilt ein Tierversuchsverbot – Versuche an Tieren für Kosmetikzwecke sind untersagt, und seit 2013 dürfen auch Produkte nicht mehr vermarktet werden, deren Bestandteile dafür an Tieren getestet wurden.
Für in Deutschland verkaufte Zahnpasta ist dieser Punkt damit weitgehend erledigt. Eine Einschränkung bleibt: Verkauft ein Unternehmen seine Produkte auch in Ländern, die Tierversuche vorschreiben, kann das für Kritik sorgen – das betrifft aber das Unternehmen, nicht die Tube im deutschen Regal.
Was in einer Zahnpasta sonst noch steckt
Der weitaus größte Teil der Rezeptur ist unproblematisch, wird aber selten erklärt. Eine Zahnpasta besteht im Kern aus fünf Gruppen:
- Putzkörper machen den mechanischen Abrieb. Üblich sind Kieselsäure (Hydrated Silica), Calciumcarbonat und Aluminiumoxid – alles mineralisch.
- Feuchthaltemittel verhindern, dass die Paste in der Tube austrocknet. Neben Glycerin sind das Sorbit und Propylenglykol, beide pflanzlich beziehungsweise synthetisch.
- Tenside sorgen für Schaum und Verteilung. Natriumlaurylsulfat wird aus Kokos- oder Palmkernöl hergestellt.
- Bindemittel geben die Konsistenz. Cellulosegummi, Xanthan und Carrageen stammen aus Pflanzen, Algen oder Fermentation.
- Wirkstoffe und Aromen – Fluoride, Zinksalze, Menthol, Pfefferminzöl – sind mineralisch oder pflanzlich.
Rechnet man das zusammen, betrifft die vegane Frage nur einen kleinen Teil der Liste. Das erklärt, warum die allermeisten Zahnpasten am Ende geeignet sind – und warum es trotzdem eine Prüfung braucht, weil dieser kleine Teil nicht sichtbar ist.
Zahnseide und Zubehör
Die Zahnpasta ist nur ein Teil. Beim Zubehör wird die Frage oft übersehen:
- Zahnseide hieß nicht zufällig so – klassische Varianten bestehen aus echter Seide und sind häufig mit Bienenwachs beschichtet. Moderne Zahnseide aus Nylon oder PTFE ist frei davon, kann aber ebenfalls gewachst sein.
- Zahnbürsten mit Naturborsten stammen meist vom Schwein. Nylonborsten sind Standard und unproblematisch.
- Mundspülungen enthalten dieselben kritischen Stoffe wie Zahnpasta, dazu gelegentlich Honig oder Propolis.
- Zahnpastatabletten und feste Alternativen sind häufig ausdrücklich als vegan gekennzeichnet, weil sie in einem Marktsegment verkauft werden, das danach fragt.
Vorgehen im Drogeriemarkt
- Nach dem Siegel suchen. V-Label oder Veganblume auf der Faltschachtel beantworten alles.
- INCI-Liste auf die eindeutigen Stoffe prüfen: Propolis, Cera Alba, Chitosan, CI 75470, Lactoferrin.
- Auf „Vegetable Glycerin“ achten. Steht es dort, ist auch der offene Punkt geklärt.
- Naturkosmetik nicht mit vegan verwechseln. Naturkosmetiksiegel lassen Bienenprodukte ausdrücklich zu – gerade Propolis ist dort häufig.
Der letzte Punkt überrascht viele. Eine zertifizierte Naturzahncreme ist im Zweifel eher nicht vegan als eine konventionelle, weil sie mit Bienenprodukten arbeitet statt mit synthetischen Stoffen.
Häufige Fragen
Ist Elmex vegan?
Das hängt von der Sorte ab und ändert sich mit den Rezepturen. Maßgeblich ist die INCI-Liste der konkreten Tube und die Auskunft des Herstellers. Die Einordnung der einzelnen Varianten steht bei Elmex.
Ist Glycerin in Zahnpasta immer tierisch?
Nein, im Gegenteil – in Europa überwiegt pflanzliches Glycerin deutlich, weil es als Nebenprodukt der Biodieselherstellung günstig anfällt. Sicher feststellen lässt es sich an der INCI-Bezeichnung trotzdem nicht, weil sie für beide Herkünfte identisch ist.
Bedeutet „ohne Tierversuche“ auch vegan?
Nein, das sind zwei verschiedene Aussagen. „Ohne Tierversuche“ betrifft die Prüfung des Produkts, „vegan“ die Zusammensetzung. Eine Zahnpasta ohne Tierversuche kann Propolis enthalten. In der EU ist der erste Punkt ohnehin gesetzlich geregelt, der zweite nicht.
Ist weiße Zahnpasta sicherer als farbige?
Tendenziell ja, weil der Farbstoff Karmin wegfällt. Weiße Pasten werden mit Titandioxid oder gar nicht gefärbt. Bei roten und rosafarbenen Gelen sowie bei gestreiften Pasten lohnt der Blick auf CI 75470 in der INCI-Liste. Die Einordnung der Farbstoffe steht bei Lebensmittelfarbe.
Woran erkenne ich Chitosan?
An der INCI-Bezeichnung Chitosan, die unverändert übernommen wird. Der Stoff wird aus dem Chitin von Krebstierschalen gewonnen und in einigen Spezialzahncremes eingesetzt, weil er sich an die Zahnoberfläche anlagert und Belag hemmt. Eine pflanzliche Variante aus Pilzen existiert, ist an der INCI-Liste aber nicht zu unterscheiden.
Gilt dasselbe für Seife und Duschgel?
Weitgehend ja. Auch dort ist Glycerin der offene Punkt, dazu kommen Stearate, Lanolin und Honig. Die Systematik für Pflegeprodukte steht bei Seife.
