Ist Lebensmittelfarbe vegan?

Fast alle Lebensmittelfarben sind vegan. Die eine Ausnahme heißt Echtes Karmin (E 120) und wird aus Schildläusen gewonnen. Dazu kommen zwei tierische Überzugsmittel: Bienenwachs (E 901) und Schellack (E 904).

Matrix der Lebensmittelfarben: Karmin E 120, Schellack E 904 und Bienenwachs E 901 sind tierisch; Kurkumin E 100, Riboflavin E 101, Beta-Carotin E 160a, Betanin E 162, Anthocyane E 163 und Zuckerkulör E 150 sind es nicht.
Von allen in der EU zugelassenen Farbstoffen stammt nur einer vom Tier: Echtes Karmin (E 120). Dazu kommen zwei tierische Überzugsmittel.

Die Antwort in Kürze

  • Unter den in der EU zugelassenen Farbstoffen ist genau einer tierischer Herkunft: Echtes Karmin, E 120.
  • Karmin wird aus getrockneten Cochenilleschildläusen gewonnen und färbt rot bis violett.
  • Bei den Überzugsmitteln kommen zwei weitere dazu: Bienenwachs (E 901) und Schellack (E 904) aus der Lackschildlaus.
  • Alle drei sind kennzeichnungspflichtig und stehen mit Namen oder E-Nummer im Zutatenverzeichnis.
  • Rote Farbstoffe sind nicht automatisch tierisch: Betanin (E 162) stammt aus Roter Bete, Anthocyane (E 163) aus Trauben und Beeren.
  • Titandioxid (E 171) ist in der EU seit August 2022 nicht mehr als Lebensmittelzusatzstoff zugelassen – aus gesundheitlichen Gründen, nicht wegen der Herkunft.
  • Ein verstecktes Risiko liegt im Trägerstoff: Carotinoid- und Vitaminzubereitungen können Gelatine enthalten, die nicht deklariert werden muss.
  • In Kosmetik heißt Karmin CI 75470, dort fehlt die Herkunftsangabe vollständig.

Echtes Karmin, der einzige tierische Farbstoff

Karmin wird aus der Cochenilleschildlaus Dactylopius coccus gewonnen, die auf Feigenkakteen lebt und vor allem in Peru und auf den Kanaren gezüchtet wird. Die weiblichen Tiere werden abgesammelt, getrocknet und ausgekocht. Der Farbstoff Karminsäure wird anschließend mit Aluminiumsalzen zum leuchtend roten Karminlack verarbeitet.

Er ist ausgesprochen lichtecht und hitzestabil – deshalb hält er sich trotz Alternativen. Zu finden ist er in:

  • roten Süßwaren, Fruchtgummi und Dragees
  • Aperitifs und Bitterlikören
  • Erdbeer- und Himbeerjoghurt sowie Speiseeis
  • Fleischersatzprodukten, die rosa aussehen sollen
  • Lippenstift, Rouge und Nagellack

Im Zutatenverzeichnis erscheint er als „Echtes Karmin“, „Karmin“, „Karminsäure“, „Cochenille“ oder schlicht als E 120. Eine dieser Bezeichnungen steht immer da, wenn er enthalten ist.

Die tierischen Überzugsmittel

Farbstoffe sind nur eine Gruppe. Für Glanz auf Süßwaren und Obst sorgen Überzugsmittel, und dort sitzen zwei weitere tierische Stoffe:

Stoff E-Nummer Herkunft Wo er vorkommt
Bienenwachs E 901 Wabendrüsen der Honigbiene Dragees, Kaugummi, Obstwachs
Schellack E 904 Ausscheidung der Lackschildlaus Schokolinsen, Äpfel, Zitrusfrüchte
Carnaubawachs E 903 Blätter der Carnaubapalme pflanzliche Alternative
Bienenwachs, weiß E 901 gebleichtes Bienenwachs Kosmetik, Kapselüberzüge

Wer bunte Schokolinsen oder glänzende Dragees prüft, sucht also nicht nur nach E 120, sondern auch nach E 901 und E 904. Bei loser Ware und bei unverpacktem Obst entfällt die Kennzeichnung – gewachste Zitrusfrüchte tragen den Hinweis allerdings meist am Regal.

Die pflanzlichen Farbstoffe

Der weitaus größte Teil der zugelassenen Farbstoffe ist unproblematisch. Ein Überblick nach Farbe:

  • Gelb und Orange: Kurkumin (E 100) aus Kurkuma, Riboflavin (E 101), Beta-Carotin (E 160a), Paprikaextrakt (E 160c), Safran.
  • Rot und Rosa: Betanin (E 162) aus Roter Bete, Anthocyane (E 163) aus Trauben, Holunder und Beeren, Lycopin (E 160d) aus Tomaten.
  • Grün: Chlorophylle (E 140) und ihre Kupferkomplexe (E 141), Spirulina-Extrakt.
  • Blau und Violett: Anthocyane, Spirulina, dazu die synthetischen Azofarbstoffe.
  • Braun und Schwarz: Zuckerkulör (E 150a bis E 150d), Pflanzenkohle (E 153).

Auch die synthetischen Azofarbstoffe wie Tartrazin (E 102) oder Allurarot (E 129) sind vegan – sie werden im Labor hergestellt. Sie tragen allerdings den Warnhinweis, dass sie die Aktivität und Aufmerksamkeit von Kindern beeinträchtigen können. Das ist eine gesundheitliche Frage und keine der Herkunft.

Riboflavin und Beta-Carotin im Detail

Zwei Farbstoffe werden regelmäßig zu Unrecht verdächtigt, weil sie auch in tierischen Lebensmitteln vorkommen.

Riboflavin (E 101) ist Vitamin B2. Es steckt natürlicherweise in Milch und Eiern, wird für die Lebensmittelherstellung aber durch Fermentation mit Bakterien oder Pilzen gewonnen. Die Herstellung ist damit dieselbe wie bei veganem Vitamin B12.

Beta-Carotin (E 160a) ist die Vorstufe von Vitamin A und stammt aus Karotten, Algen oder chemischer Synthese. Der Farbstoff selbst ist immer pflanzlich oder synthetisch.

Der Trägerstoff als blinder Fleck

Hier liegt der Punkt, den fast alle Übersichten auslassen. Farbstoffe werden selten pur eingesetzt – sie werden auf einem Trägerstoff aufgebracht, damit sie sich dosieren und im Produkt verteilen lassen. Als Trägerstoff dienen unter anderem Stärke, Maltodextrin, Öle und Gummi arabicum.

Bei fettlöslichen Farbstoffen wie Beta-Carotin kann jedoch Gelatine als Trägermatrix zum Einsatz kommen, damit sich der Stoff in wässrigen Produkten verteilt. Diese Gelatine gilt als Verarbeitungshilfsstoff und muss nicht deklariert werden.

Der Gesetzgeber hat das sogar ausdrücklich geregelt: Fischgelatine, die als Trägerstoff für Vitamin- und Carotinoidzubereitungen verwendet wird, ist in Anhang II der Lebensmittelinformationsverordnung von der Allergenkennzeichnung ausgenommen. Dieselbe Lücke wie bei den Klärmitteln in Wein und Bier.

Praktisch heißt das: Bei einem Produkt mit zugesetztem Beta-Carotin oder Vitamin A gibt am Ende nur ein Vegan-Siegel oder die Herstellerauskunft Sicherheit. Der Fall ist selten, aber er existiert.

Wo Karmin am häufigsten auftaucht

Wer die Prüfung abkürzen will, merkt sich die Produktgruppen, in denen E 120 statistisch am ehesten steckt. Es sind fast immer rote Lebensmittel, bei denen die Farbe kräftig und lagerstabil sein muss:

Produktgruppe Warum Karmin Alternative im Handel
Fruchtjoghurt, Speiseeis bleibt im sauren Milieu farbstabil Betanin, Anthocyane
Bitterlikör, Aperitif lichtecht in der Glasflasche Azofarbstoffe
Fruchtgummi, Dragees deckt auch bei dünner Schicht Anthocyane, Paprikaextrakt
Fleischersatz erzeugt einen rohen Rotton Rote-Bete-Saft
Lippenstift, Rouge gilt als besonders brillant Eisenoxide

Bemerkenswert ist die letzte Spalte: Für jede Anwendung existiert eine pflanzliche Alternative, die auch eingesetzt wird. Karmin hält sich nicht aus technischer Notwendigkeit, sondern weil es in bestimmten Nischen etwas besser funktioniert und die Rezepturen alt sind.

Titandioxid ist weggefallen

Das Weißpigment Titandioxid (E 171) sorgte für die deckend weiße Farbe von Dragees, Kaugummi und Glasuren. Es ist mineralisch und war damit nie ein Thema für die vegane Einordnung.

Seit August 2022 ist es in der EU als Lebensmittelzusatzstoff nicht mehr zugelassen, nachdem eine mögliche erbgutschädigende Wirkung nicht ausgeschlossen werden konnte. In Kosmetik – etwa in Zahnpasta – und in Arzneimitteln ist es weiterhin erlaubt. Wer es in einer alten Zutatenliste findet, hat ein Produkt von vor der Umstellung in der Hand.

Kosmetik folgt anderen Regeln

In der Kosmetik werden Farbstoffe nach dem Colour-Index benannt. Karmin heißt dort CI 75470. Anders als bei Lebensmitteln gibt es keine Pflicht, die Herkunft erkennbar zu machen, und keine Allergenkennzeichnung, aus der sich etwas ableiten ließe.

Kritisch sind vor allem rote und rosafarbene Produkte: Lippenstift, Rouge, Nagellack und getönte Cremes. Neben CI 75470 lohnt der Blick auf Cera Alba für Bienenwachs, Shellac und Lanolin. Die Systematik dafür steht bei Seife.

Häufige Fragen

Ist E 120 dasselbe wie Cochenille?

Im Alltag ja. Genau genommen ist Cochenille der Rohstoff – die getrocknete Schildlaus – und Karmin der daraus gewonnene Farblack. Beide Bezeichnungen stehen für dieselbe tierische Herkunft und werden im Zutatenverzeichnis nebeneinander verwendet, ebenso wie „Karminsäure“ und „Echtes Karmin“.

Wie viele Schildläuse stecken in einem Produkt?

Das lässt sich nicht seriös beziffern, weil Karmin hochkonzentriert eingesetzt wird und die Dosierung je nach Produkt stark schwankt. Die kursierenden Zahlen stammen meist aus Umrechnungen auf ein Kilogramm reinen Farbstoff und lassen sich nicht auf eine einzelne Packung übertragen.

Sind Azofarbstoffe vegan?

Ja. Tartrazin (E 102), Chinolingelb (E 104), Gelborange S (E 110), Azorubin (E 122), Cochenillerot A (E 124) und Allurarot (E 129) werden synthetisch hergestellt. Der Name „Cochenillerot A“ ist irreführend – anders als Echtes Karmin hat der Stoff nichts mit Schildläusen zu tun.

Ist Lebensmittelfarbe zum Backen vegan?

Flüssige und Gelfarben aus dem Supermarkt sind es fast immer, weil sie auf Azofarbstoffen oder Pflanzenextrakten beruhen. Prüfen sollte man rote und rosa Töne auf E 120 sowie Perlglanz- und Glitzerdekor auf E 901 und E 904. Bei Streudekor ist der Überzug häufiger das Problem als die Farbe.

Woran erkenne ich Karmin bei loser Ware?

Gar nicht ohne Nachfrage. An der Kuchentheke, an der Eistheke und bei unverpackten Süßwaren entfällt das Zutatenverzeichnis auf der Packung. Zusatzstoffe müssen zwar kenntlich gemacht werden, in der Praxis steht dort aber nur ein Sammelhinweis wie „mit Farbstoff“. Bei Erdbeer- und Himbeersorten lohnt die konkrete Frage nach Karmin – dieselbe Vorsicht wie bei Sorbet.

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